20. Schweinekalt, Advent und Dhrampal

Juliane Kruppke schrieb am 05.12.2005:

Hallo ihr Lieben,
was man in Indien nicht so alles durchmacht...zum
Beispiel zwei Naechte hintereinander. Ich bin jetzt
fest in aiesec-Klauen. Hat ein bisschen was vom
Karneval in Osterburg: Party, Party, Party.
Dann am Sonntag (nachdem ich die Vierstundennacht
zwischen zwei schnarchenden, polnischen Freunden in
der Besucherritze verbringen durfte, deren Betten auch
noch verschieden hoch waren) Katerfruehstueck auf dem
Dach eines Freundes. Dank Kochen und Einkaufen konnten
wir mit dem Essen dann auch schon um drei anfangen.
Fruehshoppen. Wer haette gedacht, dass das Bier dann
schon wieder schmeckt? Aber eigentlich will ich euch
von der Aussicht erzaehlen. Von dem Dach aus gesehen
liegt einem die Stadt naemlich zu Fuessen. Der grosse
moderne Glasfensterturm samt Leuchtschrift ebenso wie
die Tempel. Die Wuestenstadt ist eingekesselt von
einer Bergkette, auf deren Wimpfel in einigen
Abstaenden die Forts prangen. Wirklich schoen. Um
sechs ging dann das Licht aus und ich konnte mich
gleich nach dem Advents-Fruehstueck (zwei Kerzen, eine
auf einer Bier - die andere auf einer Whiskeyflasche
)ins Bett begeben. ;)
Advent ist uebrigens nicht so bekannt wie ich dachte.
Beispielsweise wird es in Polen nicht gefeiert. Lieber
Onkel Matthias: Wo wird denn Advent gefeiert? Auch die
indischen Christen kennen nicht die deutsche
Adventszeit mit jeweils einer Kerze mehr usw. Wo kommt
diese Tradition ueberhaupt her? Waere doch mal eine
interessante Predigt...

Aber apropos Licht aus, Sonne weg usw. Es ist
schweinekalt. Hab etwas gezoegert, euch das zu
erzaehlen, aber es ist wirklich so. Staendige
Gaensehaut. Ein spontaner Nachttemperatursturz um 20
Grad. Waere ja in Ordnung. Letzte Nacht hatten wir
sechs Grad. Waere ja in Ordnung, wenn ich in
Deutschland waere. Deutschland: das Land der
Isolierungen, Glasfenster, Heizungen, Badewannen (oder
ueberhaupt fliessend warmes Wasser), Winterstiefel,
Daunenjacken, Gluehwein (muesste ja uebrigens nen
Permanent-Kater haben, da soviele von euch nen
Gluehwein fuer mich getrunken haben. benutzt mich
nicht als Ausrede fuer eure Alkoholexzesse :))
Mit anderen Worten: auch in meiner Wohnung sind es
sechs Grad nachts...Ich frier mich tod. Wollsocken,
lange Hose, Schlafsack, dicke Decke und
trotzdem...kalte Nase!! Ich brauche den ganzen Tag um
wieder warm zu werden und habe ich es geschafft, ist
es auch schon wieder kalt draussen.
Aber die Inder frieren noch weitaus mehr als ich.
Rennen in Decken gehuellt rum. Husten sich die Lunge
aus dem Hals. Wolljacken ueber Saris, hautfarbene
Struempfe in Flip Flops, Kopftuecher ueber den
schoenen Schleiern. Alle reden davon wie kalt es ist,
was es meiner Meinung nach auch nicht waermer macht.

Also Abenteuer Hose kaufen. Mit nur einer warmen Jeans
und dem Fluch von Handwaesche (zu Hause werde ich mich
vor die WAMA hocken, ne Schoko knuspern und meiner
Waesche beim sauber werden zugucken. Herrlisch! Etwas
richtig sauberes habe ich eigentlich gar nicht
mehr..wie alle) war ich gezwungen, mir ne Jeans zu
kaufen. Hab ganz schoen suchen muessen, um einen
"Westladen" zu finden. Meine neue Jeans hat mich 1200
Rs gekostet. Vermutlich das Teuerste meiner ganzen
Reise (ca 24 Euro). Davon haette ich auch 100
Wasserflaschen kaufen koennen...Ich rechne hier immer
in Wasserflaschen, sowie ich nach der Euroeinfuehrung
zunaechst in Milchkaffee gerechnet habe.


Und nun noch schnell zu Dhawarampal, meinem
Floetenschueler. Das ist, lieber Philipp, die Stelle,
die du ueberspringen kannst.
Er ist etwas ganz besonderes, ein Traeumer. Neulich
haben wir auf dem Dach gefloetet. Sonnenschein, Ruhe,
Baumwipfel. Ein fuer Indien untypischer Moment. D. hat
versucht, die Papageien mit seinem Spiel anzulocken.
Er ist wirklich talentiert, kann aber mit seinen
kleinen Fingern (ich glaube, er ist erst sechs Jahre
alt) die Floete nicht so gut greifen und ich kann hier
leider keine kleinere kaufen. In Sekundenschnelle
lernte er Pfeiffen und wenn ich eine Melodie spiele,
dann kann er sie aus dem Kopf nachsspielen. Nach einer
kleinen Schmetterlingsbeobachtungsverschnaufspause (er
hat wirklich einen Blick fuer die kleinen Dinge in der
Natur) habe ich ihn etwas Zeichnen lassen. Eigentlich
wollte ich mit ihm Noten schreiben ueben, aber er
zeichnet auch so gern (und gut), dass ich ihn einfach
malen lassen habe. Er hat schliesslich sonst nicht die
Moeglichkeit dazu. Also hat er seine Vorstellung von
Deutschland gezeichnet und mir zu verstehen gegeben,
dass er gern mit mir mitkommen wuerde...Herzkrampf!
Ich schwoere, waere ich verheiratet, ich wuerde ihn
adoptieren. Er hat dann Flugzeuggeraeusche nachgeahmt.
Er erinnert mich, wie schon gesagt, etwas an Steinki.
Es ist unglaublich wieviele Geraeusche er nachmachen
kann. Dann hat er sich eine Hantel der groesseren
Jungs geschnappt, mich die Augen schliessen lassen und
die Hantel langsam, dann schneller auf dem Boden hin
und her gerollt. Ehrlich, es hat sich original wie ein
abhebender Hubschrauber angehoert.
Spaeter hat er mir gezeigt, wie schoen es ist, wenn
man vorsichtig in die Asche der Feuerstelle blaest und
den kleinen Ascheflocken beim Fliegen zusieht.
Ich: It is like snow!
Er: It is beautyful!
Im Prinzip ist sein Englisch so schlecht, dass es gar
nicht vorhanden ist. Aber da wir beide recht kreativ
sind, koennen wir uns trotzdem etwas unterhalten. Aber
ich wuerde so gern richtig mit ihm quatschen, seine
Welt mit seinen Worten verstehen koennen.
Ich habe seine Akte mit nach Hause genommen. Bei der
Bewertung seines Verhaltens steht geschrieben, dass er
sehr unartig sei. Voellig unverstanden und
unterfordert, wuerde ich dagegen sagen.
Seine Geschichte ist gluecklicherweise nicht so
schlimm wie die vieler anderer Kinder. Seine Mutter
starb an Krebs und auch sein Vater ist schon lange
tot. Irgendwie kam er als ein oder zwei Jahre alter
Junge in die Obhut eines Rikschafahrers, der ihn am
Bahnhof liegen liess, waehrend er arbeitete. Also war
er fast die ganze Zeit allein und kam schliesslich ins
Heim. Daran wird er sich aber hoffentlich nicht
erinnern koennen.
Soviel zu ihm. Ich musste euch einfach mal von ohm
erzaehlen. Dabei hat jeder Junge in meinem Heim etwas
Besonderes. Aber D. etwas ganz Beonderes. Er verdient
eine bessere Lehrerin, die ihm Schlagzeug und Zeichnen
beibringen kann und seine prache spricht. Klar istces
zuviel verlang, die musischen Veranlagungen zu
foerdern, wenn es ums nackte ueberleben geht. Und
trotzdem. Habt ihr mal Schlafes Bruder gelesen? Die
ganzen verhinderten Genies dieser Welt...

Nach soviel Traendendruesendruck hier nun wie
angekuendigt meine Bankverbindung:
Kreissparkasse Stendal
Bankleitzahl: XXX
Kontonr.: XXX
Name: Juliane Kruppke

Wer also meint, drei, vier Euros entbehren zu
koennen...Das Geld kriegen die Kinder (in welcher Form
weiss ich noch nicht so genau) und die Fotos kriegt
ihr.
Eine schoene Weihnachtszeit,
Juliane

01. Reiseziele
02. Reisebericht Indien
03. Fotogalerie Indien
04. Reisebericht Brasilien
05. Fotogalerie Brasilien
06. Reisebericht Bosnien
07. Fotogalerie Bosnien
08. über mich
09. Fotos, die mich zeigen
10. Zeitungsartikel
11. Magisterarbeit
E-mails aus Brasilien
E-mails aus Indien
Gedankensplitter
Profil
Abmelden
Weblog abonnieren