18. Ganga und Govind
Juliane Kruppke schrieb am 05.11.05 10:33:52:
Wow, wer bis hierhin durchgehalten hat: Du hast Power! Ich hoffe, ihr habt euch die mails ausgedruckt und ueber die Woche verteilt gelesen...
Also last but noy least: Ganja und Govind. Das sind
zwei der Servicekraefte meiner Familie. Sie sind die
Maedchen fuer alles, kochen taeglich unser Essen und
habe daher auch taeglich mit Esta und mir zu tun. Sie
sind so alt wie ich und ihr Leben ist vorbestimmt.
Sie wohnen in einem Schuppen hinterm Haus, besitzen
fast nichts, nicht einmal echte Betten. Immer noch
besser als ein anderer Mann, der ebenalls fuer die
Familie arbeitet und im Flur auf einer Eisentruhe
schlaeft. Und immer noch besser als die Rikschafahrer, die in ihren Rikschas wohnen. Und immer noch besser, als die circa 20 Menschen, die auf der Verkehrsinsel wohnen, an der ich fast taeglich vorbei komme. Und immer noch besser als die Menschen, die nirgendwo wohnen koennen...
In Relation gesehen, behandelt die Familie sie also
nicht schlecht. Niemandem wuerde es einfallen, das zu
denken. Auch den Servicekraeften selbst nicht. Sie
behanlet sie wie Menschen einer untergeordneten
Klasse. Und das dem so ist, darin sind sich auch alle
Beteiligten einig.
Da wir soviel mit Ganja und Govind zu tun haben, sie
genauso alt sind und wir sie recht gern moegen (lieber als einige Familienmitglieder), fand ich ihr Schicksal schon immer interessant. Also habe ich das juengste Kind der Familie heimlich ausgefragt.
Ganja und Govind kommen aus Nepal. Ganja war sechs
oder sieben, als er zu der Familie nach Indien kam.
Wie hat man sich das vorzustellen? Sieben Jahre,
allein, ein neues Land...Schnell nachgerechnet war noch keins der Kinder auf der Welt. Wie hat die Familie den Jungen, der sicherlich veraengstgt war, behandelt? Musste er damals schon im Schuppen schlafen?
Der Kontakt kam ueber einen Freund der Familie zu
stande, der die nepalesische Familie kannte und
wusste, dass die Andrews noch eine Servicekraft
brauchten. Musste Ganja also gleich arbeiten? Ich
wuerde mich gern mal mit ihm unterhalten, aber leider
kann er nur die paar Brocken Englisch, die er
aufgeschnapp hat. Aber Hindi koennen nun beide. Smarte Jungs. Auch zeigt Ganja mir stolz sein Kreuz und erklaert mir, dass er Christ ist. Voellig von dieser Familie eingenommen. Er war nur noch einmal in Nepal bei seiner Familie.
Wie war das, als die Kinder klein waren? Grosse
Bruderfunktion? Nun schauen sie auf ihn herab und er
verrichtet jede Aufgabe voller Freude.
Govind kam erst spaeter. Aber auch er muss noch recht
jung gewesen sein. Er hat sehr feine Gesichtszuege und schaut immer erst sehr ernst, bevor er lacht. Nun ist er fort. Einfach so. Verschwunden. Keiner weiss wohin.
Na, ich vermute, dass Ganja es weiss. Aber der haelt
dicht. Ich hoffe, dass er nur ueber Diwali abgehauen ist.Weg, mit einem Bus nach Nepal.
Die Familie nimmt es recht gelassen hin. Er ist
schlieslich ersetzbar. Gestern habe ich Ganjas Cousin
in der Kueche getroffen...
Wie kann man nach sovielen Jahren, nachdem man dort
aufgewachsen und alles gemeinsam mit diesen Menschen
erlebt hat, nur immer noch so wenig zur Familie
gehoeren? Diese verriegelt alle Tueren, aus Angst, von ihren Angestellten beklaut zu werden.
Tatsaechlich sind Esta und ich beklaut worden. Am
Laxmi-Tag. (Irgendwie hat das Glueck nicht so recht
verstanden, was ich will.) Die Familie hat ganz arg
Ganja im Verdacht. So ein Scheiss! Der wuerde uns nie
beklauen. Es ist fast nur Frauenschmuck und anderes
Zeug von Esta weggekommen. Von mir wurde lediglich
mein silberner Kreuzanhaenger samt Kette geklaut. (by
the way: mein Polenring ist uebrigens zerbrochen,
schluchz) Aha, also ein Christ. An Laxmi wuerde auch
kein Hindu klauen. Ganz boeses Karma. Das engt den
Kreis der Verdaechtigen natuerlich ein.
Eigentlich schliessen wir immer ab, aber Esta war zu
Hause, auf dem kleinen Balkon eine rauchen, waehrend
der Dieb unverfroren ins Zimmer kam. Wahrscheinlich
wusste er gar nicht, dass Esta jederzeit vom Balkon
ins Zimmer kommen konnte. An diesem Tag waren sehr
viele Menschen im Haus. Freunde und Familienmitglieder der Andrews, die auf unserem grossen Balkon, das Feuerwerk beobachteten...Wir haben einen Verdacht und wissen, auch das eines der Kinder etwas gesehen hat. Aber man kann in Indien keinen Verwandten oder Freund beschuldigen. Genauso wenig wie wir von dem Kind verlangen koennen, jmd. bloss zu stellen. So ist Indien.
Ich hoffe, dass es Govind gut geht. Dass er nicht auf
der Strasse endet. Und ich hoffe, dass Ganja sich
jetzt nicht so allein fuehlt, nachdem sein einziger
Freund fort ist.
Falls Govind zurueckkommt, ihr werdet es erfahren.
Das wars fuer heute. Versprochen!
Eure Juliane
Wow, wer bis hierhin durchgehalten hat: Du hast Power! Ich hoffe, ihr habt euch die mails ausgedruckt und ueber die Woche verteilt gelesen...
Also last but noy least: Ganja und Govind. Das sind
zwei der Servicekraefte meiner Familie. Sie sind die
Maedchen fuer alles, kochen taeglich unser Essen und
habe daher auch taeglich mit Esta und mir zu tun. Sie
sind so alt wie ich und ihr Leben ist vorbestimmt.
Sie wohnen in einem Schuppen hinterm Haus, besitzen
fast nichts, nicht einmal echte Betten. Immer noch
besser als ein anderer Mann, der ebenalls fuer die
Familie arbeitet und im Flur auf einer Eisentruhe
schlaeft. Und immer noch besser als die Rikschafahrer, die in ihren Rikschas wohnen. Und immer noch besser, als die circa 20 Menschen, die auf der Verkehrsinsel wohnen, an der ich fast taeglich vorbei komme. Und immer noch besser als die Menschen, die nirgendwo wohnen koennen...
In Relation gesehen, behandelt die Familie sie also
nicht schlecht. Niemandem wuerde es einfallen, das zu
denken. Auch den Servicekraeften selbst nicht. Sie
behanlet sie wie Menschen einer untergeordneten
Klasse. Und das dem so ist, darin sind sich auch alle
Beteiligten einig.
Da wir soviel mit Ganja und Govind zu tun haben, sie
genauso alt sind und wir sie recht gern moegen (lieber als einige Familienmitglieder), fand ich ihr Schicksal schon immer interessant. Also habe ich das juengste Kind der Familie heimlich ausgefragt.
Ganja und Govind kommen aus Nepal. Ganja war sechs
oder sieben, als er zu der Familie nach Indien kam.
Wie hat man sich das vorzustellen? Sieben Jahre,
allein, ein neues Land...Schnell nachgerechnet war noch keins der Kinder auf der Welt. Wie hat die Familie den Jungen, der sicherlich veraengstgt war, behandelt? Musste er damals schon im Schuppen schlafen?
Der Kontakt kam ueber einen Freund der Familie zu
stande, der die nepalesische Familie kannte und
wusste, dass die Andrews noch eine Servicekraft
brauchten. Musste Ganja also gleich arbeiten? Ich
wuerde mich gern mal mit ihm unterhalten, aber leider
kann er nur die paar Brocken Englisch, die er
aufgeschnapp hat. Aber Hindi koennen nun beide. Smarte Jungs. Auch zeigt Ganja mir stolz sein Kreuz und erklaert mir, dass er Christ ist. Voellig von dieser Familie eingenommen. Er war nur noch einmal in Nepal bei seiner Familie.
Wie war das, als die Kinder klein waren? Grosse
Bruderfunktion? Nun schauen sie auf ihn herab und er
verrichtet jede Aufgabe voller Freude.
Govind kam erst spaeter. Aber auch er muss noch recht
jung gewesen sein. Er hat sehr feine Gesichtszuege und schaut immer erst sehr ernst, bevor er lacht. Nun ist er fort. Einfach so. Verschwunden. Keiner weiss wohin.
Na, ich vermute, dass Ganja es weiss. Aber der haelt
dicht. Ich hoffe, dass er nur ueber Diwali abgehauen ist.Weg, mit einem Bus nach Nepal.
Die Familie nimmt es recht gelassen hin. Er ist
schlieslich ersetzbar. Gestern habe ich Ganjas Cousin
in der Kueche getroffen...
Wie kann man nach sovielen Jahren, nachdem man dort
aufgewachsen und alles gemeinsam mit diesen Menschen
erlebt hat, nur immer noch so wenig zur Familie
gehoeren? Diese verriegelt alle Tueren, aus Angst, von ihren Angestellten beklaut zu werden.
Tatsaechlich sind Esta und ich beklaut worden. Am
Laxmi-Tag. (Irgendwie hat das Glueck nicht so recht
verstanden, was ich will.) Die Familie hat ganz arg
Ganja im Verdacht. So ein Scheiss! Der wuerde uns nie
beklauen. Es ist fast nur Frauenschmuck und anderes
Zeug von Esta weggekommen. Von mir wurde lediglich
mein silberner Kreuzanhaenger samt Kette geklaut. (by
the way: mein Polenring ist uebrigens zerbrochen,
schluchz) Aha, also ein Christ. An Laxmi wuerde auch
kein Hindu klauen. Ganz boeses Karma. Das engt den
Kreis der Verdaechtigen natuerlich ein.
Eigentlich schliessen wir immer ab, aber Esta war zu
Hause, auf dem kleinen Balkon eine rauchen, waehrend
der Dieb unverfroren ins Zimmer kam. Wahrscheinlich
wusste er gar nicht, dass Esta jederzeit vom Balkon
ins Zimmer kommen konnte. An diesem Tag waren sehr
viele Menschen im Haus. Freunde und Familienmitglieder der Andrews, die auf unserem grossen Balkon, das Feuerwerk beobachteten...Wir haben einen Verdacht und wissen, auch das eines der Kinder etwas gesehen hat. Aber man kann in Indien keinen Verwandten oder Freund beschuldigen. Genauso wenig wie wir von dem Kind verlangen koennen, jmd. bloss zu stellen. So ist Indien.
Ich hoffe, dass es Govind gut geht. Dass er nicht auf
der Strasse endet. Und ich hoffe, dass Ganja sich
jetzt nicht so allein fuehlt, nachdem sein einziger
Freund fort ist.
Falls Govind zurueckkommt, ihr werdet es erfahren.
Das wars fuer heute. Versprochen!
Eure Juliane
Julianews - 12. Aug, 15:41