16. Bollywood

Juliane Kruppke schrieb am 05.11.05 09:34:18:

Soviel dazu. Das war eins von vier. Bleibt noch: viel
zuviel zu schreiben und lesen.:)

Machen wir mal weiter mit Bollywood. Denn ich kann mir schon die enttaeuschten Gesichter von Ria und Anne vorstellen, nachdem ich mich nicht dafuer entschieden habe.

Vorgestern hat mich Esta ins Kino geschleppt. Es scheint, als sei es ihre geheime Mission, jede Minute
meines momentanen Lebens mit Entertainment zu fuellen. Da ist Bollywood natuerlich genau das Richtige. Wir waren im Jaipurer Kino, was beruehmt ist, weil es das erste in Indien war und weil es wirklich krass aussieht. Von aussen ist es eigentlich wenig spektakulaer, aber innen hat man das Gefuehl, man befindet sich im inneren einer zuckerbunten
Sahnetorte(die Inder lieben diese). Rosa, Pastel, hohe Waende, viele Spiegel, Muster, alles verschlungen. Kurz um: es ist die umgesetzte Disneyvariation von Tausend und einer Nacht. Atemberaubend kitschig!
Bollywood eben.

Auch die Vorstellung war ganz typisch indisch. Da
Familie und Freunde (ein gaaanz weitgefasster Begriff, man koennte ihn auch die restliche Menschheit nennen) sehr wichtig fuer die Inder sind, wuerde niemand von ihnen auf die Idee kommen sein Handy wegen so etwas Profanem wie Kino auszuschalten...Oder rumzumotzen, wenn jmd, waehrend des Films telefoniert.

Und da sind wir beim Kern der Sache, bzw. bei der
Sahne des Kuchens angelangt: der Film. Der neue, er so heisst, wie die Leute im Film reden: irgendwas in
Hindi..Aber bei Bollywood weiss man eigentlich auch
ohne Sprachkenntnisse, was passiert: Schrille
Liebesgeschichte, Musik und Tanz, Happy End. Leichte
Kost, dafuer drei Stunden lang und mit viel
Unterhaltungswert.

Eigentlich...Oder aber der Film spielt in einer
Nervenheilanstalt, enthaelt Zuege von "einer flog
uebers Kuckuksnest" (geklaut), zeigt eine der
traurigsten Liebesgeschichten, die man sich vorstellen kann und endet: Tragisch!! Eine Revolution in Bollywood? Ein ernstes Thema mit einem kritschen Blick und der Verweigerung eines Happy Ends?
Ja und Nein. Auch wenn mir ein Happy End lieber
gewesen und ich an Bollywood glaubend fest damit
gerechnet habe(!), gwinnt der Fim dadurch enorm.
Bleibt aber dennoch unrealistisch und schrill.
Tanzende Insassen, Jokes ueber Elektroschocks und eine Welt, die nicht existiert. Die Zuschauer klatschen und johlen. Sie lieben ihren
Helden, fiebern mit, versinken in dieser Welt - die
alles moegliche zeigt, nur nicht Indien. Ein Inder hat mir erklaert, dass Film und Fernsehen die Welt so zeigt, wie sie sich alle wuenschen. Sauber, reich, viel weniger Leute, kein Laerm, kein Gestank usw.

Ganz im Gegenteil zu Europa und speziell Leipzig mit
Dokfilmfestival, Reality-TV und dem Drang zur
Authenzitaet, um ernst genommen zu werden. Genau darum faellt es uns schwer, Bollywood ernstzunehmen. Esta und ich haben immer an den Stellen lachen muessen, die eigentlich ernst gemeint waren...
Man muss Bollywood anders verstehen. Eine Traumwelt.

So funktionieren auch die indischen Soaps. Die Musik
ist immer hoechstdramatisch, die Kamera schnell, die
Schauspieler ueberspielen, als waeren sie im Theater.
Ausserdem sind die Frauen sexy, die Haeuser luxerioes. Die Diskrepanz zur Wirklichkeit ist riesig. Warum gefaellt das den Indern? Ist danach die
Wirklichkeit nicht noch wirklicher? Jeder Traum ist
mal vorbei. (Es sei denn, man ist der kleine Koenig
Dezember, nicht wahr liebe Anne.)

Zwei Bekannte von mir (Pussi(Mann) und Laura (seine
Freundin) aus Finnland) haben durch Zufall in einem
Bollwoodfilm mitspielen koennen. Beziehungsweise
Tanzen und Lachen muesen fuer einen ganzen Tag lang!
Gerade sie haben gemerkt, wie gross der Unterschied
zwischen dem, was der Film zeigt, und dem, was er
nicht zeigt, aber da ist, wirkich ist.

Soviel zum Thema Bollywood. Ob die Filme jetzt kritischer werden, die Enden trauriger und was das
fuer die indische Gesellschaft bedeuetet: ich werde
euch auf dem Laufenden halten. Und ich werde
versuchen, den Film aufzutreiben.

Bye, bye,
Juliane

01. Reiseziele
02. Reisebericht Indien
03. Fotogalerie Indien
04. Reisebericht Brasilien
05. Fotogalerie Brasilien
06. Reisebericht Bosnien
07. Fotogalerie Bosnien
08. über mich
09. Fotos, die mich zeigen
10. Zeitungsartikel
11. Magisterarbeit
E-mails aus Brasilien
E-mails aus Indien
Gedankensplitter
Profil
Abmelden
Weblog abonnieren