22. Drachenkämpfe und Kummer-Kumars
Am 16.01.2006 um 11:49 schrieb Juliane Kruppke:
Hallo Ihr Lieben,
vielen Dank fuer all die aufmunternden Worte!! Das hat mir und meiner Familie sehr geholfen. Auch in dieser mail wird es um Geld gehen, aber nachdem die letzte nicht so erfreulich war, muss ich euch erstmal vom Kitefestival berichten. Schliesslich sollt ihr nicht eure indische Stimmung verlieren.

Das Kitefestival hat sich schon Wochen im Voraus
angekuendigt. Kleine Drachengeschaefte sind wie Pilze
aus dem Boden geschossen, wurden an jeder Ecke
eroeffnet. Ein Kite eine Rs. Also durchaus ein
bezahlbarer Spass, sollte man meinen. Das Ganze hat
aber gar nicht soviel mit Spass zu tun, sondern mit
Wissenschaft. Wie genau wird der Strick an den Drachen gebunden? Warum muss man den Drachen vor dem Flug
ueber den Kopf biegen? Und wie um Himmels Willen
kriegt man das Ding in die Luft?
Die Antworten: Keine Ahnung, keine Ahnung, keine
Ahnung! Und das obwohl ich nun seit ein paar Wochen
taeglich Drachen im Heim habe steigen lassen. Die zu
kaufenden Drachen sind groesstenteils aus Verpackungsresten gebastelt, weshalb so lustige Dinge
wie Zutaten etc. darauf zu lesen sind. Davon abgesehen gibt es sie aber in jeder Groesse, Farbe und Form. Bunt, bunter, Himmel ueber Jaipur. Am Sonnabend hat wirklich jeder seine Dachterrasse erklommen, am besten noch irgendwie Musik dorthin gebracht (alle was unterschiedliches und lauter Start gegen 6 Uhr (ich war um vier im Bett...)) und ab geht die Post. Nun ist Drachen steigen lassen ja etwas, das wir als friedliche Erinnerung aus unseren Kindertagen ins Heute gerettet haben. Aber nicht in Indien. Da werden kleine Glassplitter an die Schnur geheftet, damit man im "Drachenkampf" die Leinen der anderen Drachen kappen kann...Ach Indien!
Schon seit Tagen schmuecken Fetzen von Drachen die
Stromleitungen, Baeume und Daecher. Immer mehr Kinder
von der Strasse kommen mit Verletzungen ins Heim...Schliesslich ist kein Baum zu hoch, wenn in
seiner Krone ein Drachen notgelandet ist.
Die gekappten Drachen schweben herrenlos zu Boden. Wo
meistens schon eine Horde Kinder wartet. Denn wer den
Drachen faengt, darf ihn behalten. Leider segeln die
Drachen auch auf Strassen...und noch mehr verletzte
Kinder. Aber dafuer haben sie ja ihre Didi (grosse
Schwester). Ich bin ihre Didi Muskan (Smile, den Namen haben sie mir verpasst), aber mein Lachen ist dann doch ab und zu mal gefroren, wenn ich zusehen musste, wie sie von Dach zu Baum zu Mauer zu Dach etc. geklettert sind.
Drachen steigen lassen ist also ein Volkssport. Nahe
zu alle Geschaefte hatten geschlossen, spezielle
Suessigkeiten wurden genascht und die Strassen waren
fast so leer wie der europaeische Standard, denn alles Leben spielte sich ueber den Daechern auf den
Dachterrassen ab.
Ich bin mit ein paar aiesec trainees in der Pink City ins Stadion gegangen. Da gab es ein Showfliegen, das
wir leider verpasst haben. Dafuer haben wir dann fuer
Unterhaltung gesorgt, in dem wir uns zu doof angestellt haben, um die Kites zu starten. Weshalb wir von jeder Seite indische Hilfe bekamen. Lustig!
Der ganze Himmel so bunt, wie heute die Raender der
Strassen. Meine Kids sind immer noch berauscht vom
Wochenende.
Aber da sind wir ja auch schon wieder bei den Kindern. Heute wuerde ich euch gern die Kumars vorstellen.
Gestatten: Krishna, Giotti, Nishant und Deepak. Nun
ja, um ehrlich zu sein ist das nur ein Bruchteil der
vielkoepfigen Familie. Aber gerade diese vier bedeuten mir sehr viel. Strassenkinder aus der Nachbarschaft. Die vier kommen taeglich zur Schule und damit taeglich zu mir.

Krishna (10 Jahre) ist der Streber schlechthin. Ich
weiss nicht, wie er es anstellt, aber sogar als Kind
von der Strasse schafft er es immer, sich so zu
kleidenb, wie man sich einen klischeehaften Streber
vorstellt. Er ist ausserdem noch ein Weichei, eine
Petze. Also nicht fuer das Leben auf der Strasse
geschaffen. Wenn ich morgens komme, dann spielen die
anderen Kinder noch, waehrend er schon lernt. Von
allen Strassenkindern ist sein Englisch das Beste.
Beziehungsweise kann man das von den anderen nicht
Englisch nennen. Darum hat er vom Lehrer ein
Woerterbuch geschenkt bekommen, dass er als typischer
Inder jetzt auswendig lernt!! Ich versuche den
Wahnsinn zu stoppen und habe ihm darum ein Bilderbuch
mit englischem Text geschenkt. Peter und der Wolf.
Ausserdem rechnet und schreibt er. Er will Lehrer
werden und fuehrt sich bereits wie einer auf. Veteilt
die Uebungshefte, die Tafeln und die Kreide und hilft
und korrigiert die anderen. Er ist hilfsbereit,
freundlich und vor allen Dingen interessiert. Wenn er
koennte, dann wuerde er den ganzen Tag nur lernen.
Unsere Schule bietet ihm nicht genug. Sie ist
eigentlich gedacht, um den Kindern schreiben und lesen beizubringen, damit bessere Chancen im Leben haben. Er ist total unterfordert und geht verloren in der Masse.

Aehnlich ist es mit seiner Schwester Giotti (6 Jahre). Ihr blitzt die Intelligenz bereits aus den Augen. Sie hat einen ausgepraegten Gerechtigkeitssinn und verteidigt die Kleinen, bestraft die Grossen und
regelt so den Schulalltag. (verwaltetr z.B. den
heissbegehrten Radiergummi) Sie ist lieb, ohne zu
anhaenglich zu sein, denn sie merkt, wenn es mir
zuviel wird. (Meistens ist die Nachfrage nach
Aufmerksamkeit von seiten der Kinder nicht zu
bewaeltigen.) Sie lernt sehr schnell und ist ein wenig ein Vorbild fuer die anderen Maedels, denn sie kann bereits gut schreiben. Anders als Krishna ist sie mehr Kind. Wenn sie lernt, dann lernt sie. Schneidersitz, gerader Ruecken und hochkonzentriertyer Blick. Aber wenn sie spielt, dann spielt sie. Rumtollen, flitzen und ein quietschvergnuegtes Lachen.

Das hoert man von ihr am meisten, wenn sie mit ihrem
Cousin Nishant (7 Jahre) zusammen ist. Nishant ist ein lieber Lausebengel. Ein Ruepel und Besitzer meines Herzens. Er hat das einnehmendes Lachen der Welt. Heute hat er sich fast totgeschaemt, weil er einen Zahn verloren hat und ich die Luecke gern sehen
wollte. Dann verkriecht er seinen Kopf in meinem
Schoss und luchst nur ab und zu ganz vorsichtig, bevor er dann doch von einem Ohr zum anderem grinst.
Einerseits ist er total verkuschelt, abdererseits ist
er aber noch so verspielt, dass er sich nicht lange
aufs Lernen konzentrieren kann. Aber das muss er auch
nicht, denn er schummelt sich immer irgendwie durch.
Ausserdem kann er die aufgetragenen Aufgaben (z.B. das ABC schreiben) in einem Bruchteil der Zeit erledigen, den die anderen Kinder brauchen. Also genug Zeit zum Quatsch machen.
Ich kenne ein par hundert Strassen-und Slumkinder.
Davon circa 50 besser und davon circa zehn gut. Kein
einziges schreibt wie Nishant. Alle geben sich grosse
Muehe. Nie wuerden sie etwas durchstreichen. Alles
wird ordentlich, in Reihe und Glied, niedergeschrieben, wegradiert und ganz akkurat gemacht. Nun, Nishant wuerde auch nichts durchstreichen. Er uebermalt es dann lieber. So eine
Sauklaue...Ich liebe diesen Ruepel!

Bleibt noch ein anderer Cousin, der kleine Deepak (5
Jahre). Er ist das Kueken und sieht auch wie eins aus. Kommt noch hinzu, dass er oft einen ehemals gelben Plueschpulli traegt, der ihn wie ein Kueken
aufplustert. Er ist still und lieb. Taeglisch schreibt er das ABC in Englisch und in Hindi, ohne dass das jemanden kuemmert. Immer das Gleiche. So lernt er nichts, sondern schummelt sich wie Nishant durch. Aber er ist ja auch erst fuenf. In dem Alter konnte ich noch nicht das ABC in zwei Sprachen schreiben oder bis 100 zaehlen.
Alle Kumars, die ich kenne, sind sehr intelligent.
Wie kommt nun der Kummer in die Betreffzeile?
Ich liebe diese Kinder. Sie zu verlassen, zerreisst
mir das Herz. Ich werde nicht wissen, was aus ihnen
wird. Was soll auch aus ihnen werden? Sie haben schon
fast alles gelernt, dass ihnen die Slumschule bieten
kann. Zu klug. Aber sie koennten auf eine staatliche Schule gehen. Das kostet natuerlich. Aha, jetzt sind wir wieder beim Thema Geld.
Eigentlich war es mein Plan, meine Freunde aus der
Altmark (Freundeskreis Bluetezeit) zu ueberreden, ein
Strassenkind zu sponsern. Das kostet 20 Euro im Monat.
Dafuer koennen sie zur Schule gehen, bekommen
Schuluniform, essen und medizisnische Versorgung. Also habe ich mir Gedanken gemacht, welches Kind eine
Sponsorschaft verdient. Seit circa einem Monat
beobachte ich die Kinder uner diesem Gesichtspunkt.
Liebenswerter Luemmel oder wissenbegieriger Streber?
Gott spielen. Ich kann diese Entscheidung nicht
treffen. Wenn ich mir vorstelle, dass ich Krishna sage, dass er auf eine richtige Schule gehen kann...Der verkraftet soviel Freude auf einmal vielleicht gar nicht.
Die Strassenkinder werden nur selten gesponsert, weil
man dafuer der Organisation vertrauen muss. Was ich
absolut tue. Und weil man die Kinder normalerweise
nicht vorher kennen lernen kann. Was ich aber getan
habe.
Ich wuerde am liebsten 80 Euro im Monat locker machen
und das Leben dieser vier Menschen fuer immer
veraendern. Aber wie ihr wisst, habe ich das nicht.
Vielleicht ist es mir aber trotzdem einfacher, diesen
vier zu helfen, als mir selber.
Ich habe von euch ungefaehr 300 Euro Spenden erhalten.
Da es in Jaipur (2 grad nachts) so kalt wie schon seit 32 Jahren nicht mehr ist (Zeitung), leiden alle
Obdachlosen dieses Jahr besonders. Ich koennte fuer
das Geld Decken in den Slums verteilen, aber das Geld
wuerden sie verkaufen.
Darum ist mein Plan eigentlich dieser:
Fuer das Geld Kleidung von den groesseren Heimjungs
bestellen. Diese lernen schneidern und koennen sich
damit etwas Taschengeld verdienen. Dann die Kleidung
(verschiedene Groessen) im Slum verteilen. Das hat
schon ein anderer Praktikant gemacht und damit viel
Erfolg gehabt. Ich mache auch wie versprochen Fotos.
Das waere zur Zeit noetiger als die angedachte
Wohnraumverschoenerung.
Aber ich koennte auch ein Kind fuer 15 Monate zur
Schule schicken. Oder vier fuer ein halbes Jahr.
Oder ich frage viele Leute, ob sie vielleicht
regelmaessig bereit waeren vielleicht drei Euro im
Monat zu geben und ich schaue mal, was zusammen kommt. Dann wuerde ich die 300 Euro ins Kleidungsprojekt stecken und mit dem anderen Geld die Kumars zur Schule schicken.
Es ist an euch. Es ist euer Geld!
Waehrt ihr bereit, regelmaessig (und wenn viele
mitmachen, brauchen wir jeder nur gaaanz wenig geben)
etwas Geld fuer die Kinder zu geben? Ich wuerde ein
Konto eroeffnen. Oder waere ein Fond besser? Ich kenne mich da nicht aus.
Und Altmarkfreunde? Was haltet ihr davon, dem kleinen
Lausebengel Nishant (passt am besten zu uns, oder)
eine echte Chance fuer ein besseres Leben zu geben?
Denkt bitte drueber nach und schreibt mir. Fragt eure
Familien und Freunde. Ich verlasse Jaipur Anfang,
Mitte Februar. Bis dahin muss ich es wissen. Aber die
Kleiderbestellung muesste ich eigentlich schon vorher
durchziehen.
Ich lande uebrigens am 27. Feb um 12:45 Uhr in
Franktfurt. Damit ihr wisst, fuer wann ihr den Reisebus mieten muesst, den ihr braucht um mich alle abzuholen.
Liebe Gruesse,
eure Juliane
P.S. Ich haette ein viel besseres Gefuehl, wenn ich
gehe und wenigstens ein paar Leben nicht unberuehrt
von meinem Indienaufenthalt blieben. Wir wuerden
natuerlich immer ueber die Kinder informiert werden.
Hallo Ihr Lieben,
vielen Dank fuer all die aufmunternden Worte!! Das hat mir und meiner Familie sehr geholfen. Auch in dieser mail wird es um Geld gehen, aber nachdem die letzte nicht so erfreulich war, muss ich euch erstmal vom Kitefestival berichten. Schliesslich sollt ihr nicht eure indische Stimmung verlieren.

Das Kitefestival hat sich schon Wochen im Voraus
angekuendigt. Kleine Drachengeschaefte sind wie Pilze
aus dem Boden geschossen, wurden an jeder Ecke
eroeffnet. Ein Kite eine Rs. Also durchaus ein
bezahlbarer Spass, sollte man meinen. Das Ganze hat
aber gar nicht soviel mit Spass zu tun, sondern mit
Wissenschaft. Wie genau wird der Strick an den Drachen gebunden? Warum muss man den Drachen vor dem Flug
ueber den Kopf biegen? Und wie um Himmels Willen
kriegt man das Ding in die Luft?
Die Antworten: Keine Ahnung, keine Ahnung, keine
Ahnung! Und das obwohl ich nun seit ein paar Wochen
taeglich Drachen im Heim habe steigen lassen. Die zu
kaufenden Drachen sind groesstenteils aus Verpackungsresten gebastelt, weshalb so lustige Dinge
wie Zutaten etc. darauf zu lesen sind. Davon abgesehen gibt es sie aber in jeder Groesse, Farbe und Form. Bunt, bunter, Himmel ueber Jaipur. Am Sonnabend hat wirklich jeder seine Dachterrasse erklommen, am besten noch irgendwie Musik dorthin gebracht (alle was unterschiedliches und lauter Start gegen 6 Uhr (ich war um vier im Bett...)) und ab geht die Post. Nun ist Drachen steigen lassen ja etwas, das wir als friedliche Erinnerung aus unseren Kindertagen ins Heute gerettet haben. Aber nicht in Indien. Da werden kleine Glassplitter an die Schnur geheftet, damit man im "Drachenkampf" die Leinen der anderen Drachen kappen kann...Ach Indien!
Schon seit Tagen schmuecken Fetzen von Drachen die
Stromleitungen, Baeume und Daecher. Immer mehr Kinder
von der Strasse kommen mit Verletzungen ins Heim...Schliesslich ist kein Baum zu hoch, wenn in
seiner Krone ein Drachen notgelandet ist.
Die gekappten Drachen schweben herrenlos zu Boden. Wo
meistens schon eine Horde Kinder wartet. Denn wer den
Drachen faengt, darf ihn behalten. Leider segeln die
Drachen auch auf Strassen...und noch mehr verletzte
Kinder. Aber dafuer haben sie ja ihre Didi (grosse
Schwester). Ich bin ihre Didi Muskan (Smile, den Namen haben sie mir verpasst), aber mein Lachen ist dann doch ab und zu mal gefroren, wenn ich zusehen musste, wie sie von Dach zu Baum zu Mauer zu Dach etc. geklettert sind.
Drachen steigen lassen ist also ein Volkssport. Nahe
zu alle Geschaefte hatten geschlossen, spezielle
Suessigkeiten wurden genascht und die Strassen waren
fast so leer wie der europaeische Standard, denn alles Leben spielte sich ueber den Daechern auf den
Dachterrassen ab.
Ich bin mit ein paar aiesec trainees in der Pink City ins Stadion gegangen. Da gab es ein Showfliegen, das
wir leider verpasst haben. Dafuer haben wir dann fuer
Unterhaltung gesorgt, in dem wir uns zu doof angestellt haben, um die Kites zu starten. Weshalb wir von jeder Seite indische Hilfe bekamen. Lustig!
Der ganze Himmel so bunt, wie heute die Raender der
Strassen. Meine Kids sind immer noch berauscht vom
Wochenende.
Aber da sind wir ja auch schon wieder bei den Kindern. Heute wuerde ich euch gern die Kumars vorstellen.
Gestatten: Krishna, Giotti, Nishant und Deepak. Nun
ja, um ehrlich zu sein ist das nur ein Bruchteil der
vielkoepfigen Familie. Aber gerade diese vier bedeuten mir sehr viel. Strassenkinder aus der Nachbarschaft. Die vier kommen taeglich zur Schule und damit taeglich zu mir.

Krishna (10 Jahre) ist der Streber schlechthin. Ich
weiss nicht, wie er es anstellt, aber sogar als Kind
von der Strasse schafft er es immer, sich so zu
kleidenb, wie man sich einen klischeehaften Streber
vorstellt. Er ist ausserdem noch ein Weichei, eine
Petze. Also nicht fuer das Leben auf der Strasse
geschaffen. Wenn ich morgens komme, dann spielen die
anderen Kinder noch, waehrend er schon lernt. Von
allen Strassenkindern ist sein Englisch das Beste.
Beziehungsweise kann man das von den anderen nicht
Englisch nennen. Darum hat er vom Lehrer ein
Woerterbuch geschenkt bekommen, dass er als typischer
Inder jetzt auswendig lernt!! Ich versuche den
Wahnsinn zu stoppen und habe ihm darum ein Bilderbuch
mit englischem Text geschenkt. Peter und der Wolf.
Ausserdem rechnet und schreibt er. Er will Lehrer
werden und fuehrt sich bereits wie einer auf. Veteilt
die Uebungshefte, die Tafeln und die Kreide und hilft
und korrigiert die anderen. Er ist hilfsbereit,
freundlich und vor allen Dingen interessiert. Wenn er
koennte, dann wuerde er den ganzen Tag nur lernen.
Unsere Schule bietet ihm nicht genug. Sie ist
eigentlich gedacht, um den Kindern schreiben und lesen beizubringen, damit bessere Chancen im Leben haben. Er ist total unterfordert und geht verloren in der Masse.

Aehnlich ist es mit seiner Schwester Giotti (6 Jahre). Ihr blitzt die Intelligenz bereits aus den Augen. Sie hat einen ausgepraegten Gerechtigkeitssinn und verteidigt die Kleinen, bestraft die Grossen und
regelt so den Schulalltag. (verwaltetr z.B. den
heissbegehrten Radiergummi) Sie ist lieb, ohne zu
anhaenglich zu sein, denn sie merkt, wenn es mir
zuviel wird. (Meistens ist die Nachfrage nach
Aufmerksamkeit von seiten der Kinder nicht zu
bewaeltigen.) Sie lernt sehr schnell und ist ein wenig ein Vorbild fuer die anderen Maedels, denn sie kann bereits gut schreiben. Anders als Krishna ist sie mehr Kind. Wenn sie lernt, dann lernt sie. Schneidersitz, gerader Ruecken und hochkonzentriertyer Blick. Aber wenn sie spielt, dann spielt sie. Rumtollen, flitzen und ein quietschvergnuegtes Lachen.

Das hoert man von ihr am meisten, wenn sie mit ihrem
Cousin Nishant (7 Jahre) zusammen ist. Nishant ist ein lieber Lausebengel. Ein Ruepel und Besitzer meines Herzens. Er hat das einnehmendes Lachen der Welt. Heute hat er sich fast totgeschaemt, weil er einen Zahn verloren hat und ich die Luecke gern sehen
wollte. Dann verkriecht er seinen Kopf in meinem
Schoss und luchst nur ab und zu ganz vorsichtig, bevor er dann doch von einem Ohr zum anderem grinst.
Einerseits ist er total verkuschelt, abdererseits ist
er aber noch so verspielt, dass er sich nicht lange
aufs Lernen konzentrieren kann. Aber das muss er auch
nicht, denn er schummelt sich immer irgendwie durch.
Ausserdem kann er die aufgetragenen Aufgaben (z.B. das ABC schreiben) in einem Bruchteil der Zeit erledigen, den die anderen Kinder brauchen. Also genug Zeit zum Quatsch machen.
Ich kenne ein par hundert Strassen-und Slumkinder.
Davon circa 50 besser und davon circa zehn gut. Kein
einziges schreibt wie Nishant. Alle geben sich grosse
Muehe. Nie wuerden sie etwas durchstreichen. Alles
wird ordentlich, in Reihe und Glied, niedergeschrieben, wegradiert und ganz akkurat gemacht. Nun, Nishant wuerde auch nichts durchstreichen. Er uebermalt es dann lieber. So eine
Sauklaue...Ich liebe diesen Ruepel!

Bleibt noch ein anderer Cousin, der kleine Deepak (5
Jahre). Er ist das Kueken und sieht auch wie eins aus. Kommt noch hinzu, dass er oft einen ehemals gelben Plueschpulli traegt, der ihn wie ein Kueken
aufplustert. Er ist still und lieb. Taeglisch schreibt er das ABC in Englisch und in Hindi, ohne dass das jemanden kuemmert. Immer das Gleiche. So lernt er nichts, sondern schummelt sich wie Nishant durch. Aber er ist ja auch erst fuenf. In dem Alter konnte ich noch nicht das ABC in zwei Sprachen schreiben oder bis 100 zaehlen.
Alle Kumars, die ich kenne, sind sehr intelligent.
Wie kommt nun der Kummer in die Betreffzeile?
Ich liebe diese Kinder. Sie zu verlassen, zerreisst
mir das Herz. Ich werde nicht wissen, was aus ihnen
wird. Was soll auch aus ihnen werden? Sie haben schon
fast alles gelernt, dass ihnen die Slumschule bieten
kann. Zu klug. Aber sie koennten auf eine staatliche Schule gehen. Das kostet natuerlich. Aha, jetzt sind wir wieder beim Thema Geld.
Eigentlich war es mein Plan, meine Freunde aus der
Altmark (Freundeskreis Bluetezeit) zu ueberreden, ein
Strassenkind zu sponsern. Das kostet 20 Euro im Monat.
Dafuer koennen sie zur Schule gehen, bekommen
Schuluniform, essen und medizisnische Versorgung. Also habe ich mir Gedanken gemacht, welches Kind eine
Sponsorschaft verdient. Seit circa einem Monat
beobachte ich die Kinder uner diesem Gesichtspunkt.
Liebenswerter Luemmel oder wissenbegieriger Streber?
Gott spielen. Ich kann diese Entscheidung nicht
treffen. Wenn ich mir vorstelle, dass ich Krishna sage, dass er auf eine richtige Schule gehen kann...Der verkraftet soviel Freude auf einmal vielleicht gar nicht.
Die Strassenkinder werden nur selten gesponsert, weil
man dafuer der Organisation vertrauen muss. Was ich
absolut tue. Und weil man die Kinder normalerweise
nicht vorher kennen lernen kann. Was ich aber getan
habe.
Ich wuerde am liebsten 80 Euro im Monat locker machen
und das Leben dieser vier Menschen fuer immer
veraendern. Aber wie ihr wisst, habe ich das nicht.
Vielleicht ist es mir aber trotzdem einfacher, diesen
vier zu helfen, als mir selber.
Ich habe von euch ungefaehr 300 Euro Spenden erhalten.
Da es in Jaipur (2 grad nachts) so kalt wie schon seit 32 Jahren nicht mehr ist (Zeitung), leiden alle
Obdachlosen dieses Jahr besonders. Ich koennte fuer
das Geld Decken in den Slums verteilen, aber das Geld
wuerden sie verkaufen.
Darum ist mein Plan eigentlich dieser:
Fuer das Geld Kleidung von den groesseren Heimjungs
bestellen. Diese lernen schneidern und koennen sich
damit etwas Taschengeld verdienen. Dann die Kleidung
(verschiedene Groessen) im Slum verteilen. Das hat
schon ein anderer Praktikant gemacht und damit viel
Erfolg gehabt. Ich mache auch wie versprochen Fotos.
Das waere zur Zeit noetiger als die angedachte
Wohnraumverschoenerung.
Aber ich koennte auch ein Kind fuer 15 Monate zur
Schule schicken. Oder vier fuer ein halbes Jahr.
Oder ich frage viele Leute, ob sie vielleicht
regelmaessig bereit waeren vielleicht drei Euro im
Monat zu geben und ich schaue mal, was zusammen kommt. Dann wuerde ich die 300 Euro ins Kleidungsprojekt stecken und mit dem anderen Geld die Kumars zur Schule schicken.
Es ist an euch. Es ist euer Geld!
Waehrt ihr bereit, regelmaessig (und wenn viele
mitmachen, brauchen wir jeder nur gaaanz wenig geben)
etwas Geld fuer die Kinder zu geben? Ich wuerde ein
Konto eroeffnen. Oder waere ein Fond besser? Ich kenne mich da nicht aus.
Und Altmarkfreunde? Was haltet ihr davon, dem kleinen
Lausebengel Nishant (passt am besten zu uns, oder)
eine echte Chance fuer ein besseres Leben zu geben?
Denkt bitte drueber nach und schreibt mir. Fragt eure
Familien und Freunde. Ich verlasse Jaipur Anfang,
Mitte Februar. Bis dahin muss ich es wissen. Aber die
Kleiderbestellung muesste ich eigentlich schon vorher
durchziehen.
Ich lande uebrigens am 27. Feb um 12:45 Uhr in
Franktfurt. Damit ihr wisst, fuer wann ihr den Reisebus mieten muesst, den ihr braucht um mich alle abzuholen.
Liebe Gruesse,
eure Juliane
P.S. Ich haette ein viel besseres Gefuehl, wenn ich
gehe und wenigstens ein paar Leben nicht unberuehrt
von meinem Indienaufenthalt blieben. Wir wuerden
natuerlich immer ueber die Kinder informiert werden.
Julianews - 12. Aug, 15:36